Politik und Gesellschaft

Im Geburtsjahr Annette von Drostes 1797 hatte die alte politisch-gesellschaftliche Ordnung noch Bestand. Das Hochstift Münster unterstand als geistliches Territorium dem Fürstbischof, der zugleich Kurfürst und Erzbischof von Köln war. Doch die geistlichen Fürstentümer galten bei ihren Kritikern längst als rückständig und reformbedürftig, und Veränderungen waren unausweichlich. In den 1790er Jahre überzogen die Französischen Revolutionskriege und später die Napoleonischen Kriege Europa, und die französische Vorherrschaft führte zu einer Neuordnung des Heiligen Römischen Reiches. 1802 kam es im Zuge dieses Prozesses zur Auflösung der geistlichen Fürstentümer. Das Fürstbistum Münster wurde 1802 säkularisiert, und große Teile Westfalens wurden Preußen zugeschlagen, dessen Herrschaft zunächst aber nur vier Jahre dauerte. Nach dessen militärischem Zusammenbruch 1806 übernahmen mit dem Frieden von Tilsit 1807 die Franzosen die Macht über die westlich der Elbe gelegenen preußischen Provinzen, aus denen sie zusammen mit Kurhessen, Hannover und Braunschweig das französische Königreich Westfalen unter König Jérôme errichteten. Sechs Jahre später setzten die Freiheitskriege dem Königreich ein Ende, und es kam 1814/15 durch den Wiener Kongress zur weitreichenden Neuordnung Europas mit der Wiederherstellung der preußischen Großmacht. Preußen konnte damit seine Herrschaft über Westfalen wiedererrichten.

Die Phase zwischen 1815 und 1848 stand im Zeichen einer rigiden restaurativen Politik Preußens. Ganz im Sinne des reaktionären österreichischen Staatskanzlers Metternich bestanden die Ziele in der Sicherung der wiederhergestellten vorrevolutionären politischen und sozialen Ordnung und in dem Kampf gegen alle nationalen, liberalen und revolutionären Bestrebungen. Statt eines versprochenen Gesamtparlaments traten nach dem Gesetz von 1823 nur Provinzialstände zusammen, in denen der grundbesitzende Adel vorherrschte. Trotz dieses restaurativen Hintergrunds veränderten weitgreifende Reformen das gesellschaftliche Gefüge nachhaltig. Zu nennen sind u.a. die preußische Heeresreform mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Reform der Selbstverwaltungsgremien, die Steinsche Städtereform und Reform des Bildungssystems. Insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik wurde eine liberale Linie eingeschlagen. Durch das Zollgesetz von 1818 wurde der innere Markt freigegeben, und durch die Gründung des Deutschen Zollvereins (1828–1834) wurde die deutsche Einigung unter der Führung Preußens auf wirtschaftlichem Gebiet vorbereitet. Doch die Spannungen zwischen Bürgertum und Monarchie wurden größer, je mehr sich Preußen liberalen und nationalen Tendenzen verschloss und sie durch Pressezensur und „Demagogenverfolgung” zu hemmen suchte. Als Zugeständnis berief Friedrich Wilhelm IV. 1847 alle Provinzialstände zum Vereinigten Landtag zusammen. Mit der Märzrevolution von 1848 schließlich verband sich die Hoffnung, dass der starke Antagonismus der politisch-weltanschaulichen Kräfte sich zugunsten einer Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer bürgerlich-liberalen Politik auflösen würde, eine Hoffnung, die freilich weitgehend unerfüllt blieb.

Die politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten für den westfälischen Adel gravierende Folgen. War man bis 1802 innerhalb der alten Ordnung die sozial und politisch dominierende Kraft gewesen, so verlor man mit der Säkularisation nicht nur seine kirchlichen Ämter, Einkünfte und Versorgungsmöglichkeiten, sondern auch in drastischer Weise an politischer Bedeutung und Einflussnahme. Auch nach 1815, als im Zeitalter der Restauration vor-napoleonische Herrschaftsverhältnisse wiederhergestellt wurden, konnte der Adel nicht die alte Stellung zurückerlangen. Dynamische Prozesse der Umwälzung und der Veränderung hatten weite Bereiche der Gesellschaft erfasst und konnten nicht mehr rückgängig gemacht werden. Zwar blieb der Adel eine privilegierte herrschende Klasse, stand aber aufgrund des ökonomischen und sozialen Aufstiegs bürgerlicher Schichten und infolge der Reform der feudalen Agrarverfassung (Bauernbefreiung) mehr und mehr unter Druck. Einschneidende Veränderungen betrafen auch die wirtschaftspolitischen und infolgedessen die sozialen Verhältnisse. Während Handwerk und Manufaktur aufgrund der Einführung der Gewerbefreiheit in eine dauerhafte Krise gerissen wurden, führte die in den 1830er Jahren einsetzende industrielle Revolution zur weiteren Stärkung des wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertums. Gleichzeitig verstärkten sich die sozialen Gegensätze. In den Unterschichten nahmen Armut und Hunger zu, und es kam zu Verelendungsprozessen.

So war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Epoche großer Umbrüche. Die Gesellschaft durchlebte vielschichtige und tiefgreifende Transformationsprozesse. Besonders in der Zeit des Vormärz, die der Revolution von 1848 vorausging, kam es zur Zuspitzung der Meinungskämpfe. Parallel zu den gesellschaftlichen vollzogen sich die Veränderungen auch in ideologisch-mentaler Hinsicht. Die Bewahrer des Althergebrachten prallten auf gemäßigt liberale und zunehmend demokratische Positionen, nach denen eine konstitutionelle Monarchie und die deutsche Einheit anzustreben waren. Dabei verloren die alten Denkstrukturen zunehmend ihre Überzeugungskraft und wurden brüchig.

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