Literaturgeschichte

Versuche, dem Werk Annette von Droste-Hülshoffs eine bestimmte literarhistorische Epochenbezeichnung zuzuordnen, haben sich immer wieder als problematisch erwiesen. Es sind da die unterschiedlichsten Stichworte genannt worden: Von Biedermeier, von Restauration, von Romantik ist die Rede, auch von Vormärz, von Realismus oder gar Naturalismus. Die Schwierigkeit, eine eindeutige Zuordnung vorzunehmen, resultiert zum einen aus der Vielschichtigkeit des Drosteschen Werks, zum anderen aus der Problematik der Epochenbegriffe selbst, die zu oft zu unscharf bleiben und in die gerade viele große Namen der Literaturgeschichte aufgrund der Besonderheit und Eigenwilligkeit ihres Werks eben gerade nicht zu passen scheinen. Bei Annette von Droste kommt man jedenfalls zu einer solchen Bewertung. Während in ihrem Werk punktuell klassisch-romantische, realistische und selbst naturalistische Aspekte eine Rolle spielen, ist sie mit der Essenz ihres Werks doch weit außerhalb all dieser Klassifizierungen zu verorten, so dass sie am besten als eigenwilliger Solitär zu bezeichnen wäre (vgl. dazu zuletzt Rüdiger Nutt-Kofoth: Literaturgeschichte als Problemfall. Zum literarhistorischen Ort Annette von Droste-Hülshoffs und der ‚biedermeierlichen‘ Autoren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hannover 2017 [= Droste-Jahrbuch 11]).

Die historische Phase zwischen 1815 und 1848, gemeinhin als Restaurationszeit bezeichnet, ist in der Folge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege gekennzeichnet durch gegenläufige Bestrebungen restaurativer Kräfte, die die Herrschaftsstrukturen des 18. Jahrhunderts wiederherstellen wollen, und liberal-demokratischer, fortschrittlicher Kräfte, die auf die Revolution zusteuern. Allein als Mit- und Gegeneinander der unterschiedlichen Kräfte und Ideologien lässt sich die insgesamt zerrissene Zeit mit ihren signifikanten, gegenläufigen Strömungen zutreffend beschreiben. Entscheidend geprägt ist die Epoche durch die Dialektik von Revolution und Restauration. Für die kulturgeschichtliche Entwicklung, die mit dem Prozess der Restauration korrespondiert, steht der Begriff des Biedermeier. In literarischer Hinsicht umfasst das Biedermeier als Epochenbezeichnung zwischen Klassik und Realismus die Jahre von 1815 bis 1848. Eine wichtige Zäsur im Kontinuum der Epoche ergibt sich 1830, dem Zeitpunkt der Französischen Junirevolution. Die immer stärker hervortretenden vorrevolutionären Tendenzen firmieren, sowohl in politischer, aber auch in literarischer Hinsicht, alsbald unter dem Stichwort des Vormärz. In der Literatur gewinnen liberale und revolutionäre Inhalte sowie die politische Argumentation größeren Einfluss (Heine, Börne, Gutzkow, Freiligrath, Grabbe u.a.), die auch mit der Gruppe des ‚Jungen Deutschland’, zu der einige liberal-demokratisch gesinnte Schriftsteller gezählt werden, verknüpft sind.

Bis heute nach wie vor verbreitet ist eine unkritische Zuordnung Annette von Drostes zu einer Literatur des Biedermeier, das als Begriff auch für die häuslich-bürgerlich und konservativ geprägte Lebenswelt der Zeit gebräuchlich ist. Mit dem Biedermeier assoziiert werden Vorstellungen von Treuherzigkeit, Geruhsamkeit und bürgerlicher Spießigkeit, der Hang zu Sentimentalität und Überschwänglichkeit sowie eine Vorliebe für das Idyllische. Man suchte nach den Wirren der napoleonischen Kriege Stabilität durch die Wiedereinrichtung der alten Verhältnisse. Im Hinblick auf die Literatur der Zeit steht Biedermeier für eine unpolitische, eher private, stark landschaftsgebundene, melancholisch-kontemplative Dichtung, die zur Hinwendung zu Natur und Alltagswelt neigt und sich von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abwendete. Wie Droste, die oft als gemütvolle Heimatdichterin (miss-)interpretiert wird, werden u.a. Eduard Mörike, Adalbert Stifter und Franz Grillparzer zu dieser Strömung gerechnet. Diese einseitige Zuordnung steht allerdings, insbesondere im Hinblick auf Droste und auch Stifter, mehr denn je in Frage. Heute werden zunehmend Aspekte der Modernität ihres Werks betont.

In vielen ihrer oft aus regionalem Kontext entstandenen Texten tritt Droste aus der Literatur ihrer Zeit heraus. Ihr Schreiben ist kein affirmatives biedermeierlich-idyllisierendes Schreiben, wie es zu ihrer Zeit Konjunktur hatte. Ihr geht es nicht um die Verklärung von Heimat, um die folkloristische Darstellung von Sitten und Gebräuchen – im Gegenteil, sie thematisiert die Gefährdung, die Bedrohung und der Verlust von Heimat. Sie nimmt in ihren Naturdarstellungen das Doppelbödige in den Blick, das immanent Böse, die Bedrohung der Idylle, die Zerstörung und Zersetzung. Dem Leser treten Brüche und Risse, Morsches und Morbides offen entgegen, die auf tiefe Verunsicherung und Bedrohung verweisen. Und selbst wenn Droste in bestimmten landesbeschreibenden Texten die vermeintlich heile Welt der Vergangenheit beschwört, dann insbesondere um der Gegenwart damit einen Spiegel vorzuhalten und nie ohne die Einsicht in die Unumkehrbarkeit der historischen Entwicklung.