Kultur/Region Westfalen

In Westfalen und insbesondere im Münsterland hatten sich die politisch-explosiven Entwicklungen der Zeit lange weniger stark ausgeprägt als in anderen Regionen. Diese Differenz hat Annette Droste mehrfach als glücklichen Umstand bezeichnet. Für sie war ihre Heimatregion „ein seltsames, schlummerndes Land” („Bei uns zu Lande auf dem Lande“), das „auf dem Wege des Verderbens” noch um „hundert Jahre zurück” (Brief an Melchior von Diepenbrock, Mai 1845) sei.

In kultureller Hinsicht galt Westfalen lange als rückständig und provinziell. Die Region genoss beileibe keinen guten Ruf, sondern war in seiner ländlichen Abgeschiedenheit, abseits der kulturellen Zentren und literarischen Hochburgen, vielmehr Zielscheibe von Spott und (literarischen) Verunglimpfungen geworden. Zu nennen sind vor allem Voltaires Candide (1759) und Justus Gruners Meine Wallfahrt zur Ruhe und Hoffnung, oder Schilderung des sittlichen und bürgerlichen Zustands Westfalens, am Ende des 18. Jahrhunderts (1802/03), beides Schriften, die mit der westfälischen Rückständigkeit hart ins Gericht gegangen waren.

Allerdings hatte sich das geistig-kulturelle Klima in der Stadt Münster seit den Zeiten des aufgeklärten Ministers Franz von Fürstenberg deutlich verbessert. Dieser hatte 1773 die erste westfälische Universität gegründet und einen Lehrstuhl für „Deutschen Stil und deutsche Sprache” eingerichtet. Der Jurist und Autor Anton Mathias Sprickmann erhielt den Auftrag, das Theaterleben zu fördern, und es kam 1775 zur Eröffnung der Münsterschen Bühne. Seit 1779 bildete sich um die Fürstin Gallitzin die sog. „familia sacra”, ein Kreis von Gelehrten, Philosophen und Geistlichen, die eine religiöse Erneuerung im Sinne der Empfindsamkeit anstrebten. Münster wurde in der geistigen Welt Deutschlands zunehmend bekannt, so dass Dichter wie Hamann oder Goethe der Stadt ihren Besuch abstatteten. Auf der kulturellen Landkarte Deutschlands war Münster nun kein weißer Fleck mehr.

In der Zeit als Provinzialhauptstadt sorgte auch die große Zahl preußischer Beamter für eine zunehmende Belebung. Der Adel hielt sich in den Wintermonaten ohnehin in den Stadthöfen und -wohnungen auf, so dass sich dort ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben entwickelte. Man traf sich in Clubs oder zu Konzertbesuchen. Münster war schon seit langer Zeit ein bedeutendes musikalisches Zentrum. Es scheint, dass die Familie von Droste-Hülshoff nicht allzu häufig am gesellschaftlichen Leben in Münster teilgenommen hat, obwohl man am Krummen Timpen zunächst ein eigenes Stadthaus besaß. Hier und in verschiedenen Stadtwohnungen, die man später zur Miete bezog, hielt man sich in den Sommermonaten in größeren Abständen auf, um Kontakte zu pflegen und am kulturellen Leben der Stadt teilzunehmen. Dazu gehören Theater- und Konzertbesuche sowie die Benutzung einer Leihbibliothek oder – im Falle der Droste – die Teilnahme an literarischen Kränzchen.