Meersburger Inspirationen


Eine Phase höchster poetischer Inspiration erlebte Droste im Winter 1841/42, den sie zu Besuch bei ihrer Schwester Jenny von Laßberg, inzwischen Schloßherrin auf der Meersburg am Bodensee, verbrachte. Seit Ende 1838 wohnten die Laßbergs auf der Meersburg, doch Droste hatte sich, nach den schlechten Erfahrungen in Eppishausen, zunächst geweigert, der Schwester einen erneuten Besuch abzustatten. Doch als im Herbst 1841 eine Reise an den Bodensee erneut ins Gespräch kam, stand sie unter günstigeren Vorzeichen. Mit von der Partie sein konnte Levin Schücking, der einen Katalog der wertvollen Laßbergschen Bibliothek anfertigen sollte. Und so brach Droste am 21. September 1841 auf zu einer Reise, über die sie später Schücking gegenüber resümiert: Wir haben doch ein Götterleben hier geführt und Unser Zusammenleben (...) in Meersburg (war) gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beyderseitigen Lebens.

Durch die Fügung glücklicher Begleitumstände wurden die Meersburger Jahre zu Höhepunkten im Leben der Autorin. Insgesamt drei Mal besuchte Droste das alte Meersburger Schloß, zunächst also von September 1841 bis Ende Juli 1842; der zweite Aufenthalt dauerte von Ende September 1843 bis Ende September 1844, der dritte von September 1846 bis zu ihrem Tod. Die anfänglich mit Zurückhaltung angetretenen Reisen an den Bodensee entwickelten sich allmählich zu Exkursionen in vertrautes Terrain. Ihrer Freundin Philippa Pearsall schreibt die Autorin: So betrachte ich Meersburg wie die zweite Hälfte meiner Heimath.

Meersburg wurde für Annette von Droste-Hülshoff zum Dreh- und Angelpunkt einer neuen Welt. Hier konnte sie freier atmen, hier war sie befreit von vielen Pflichten und Drangsalierungen, unter denen sie in der Heimat litt, hier erholte sie sich gesundheitlich und fand mannigfache Anregungen und Abwechslung. Und hier war sie ungemein schöpferisch. Im dem gemeinsam mit Schücking auf der Meersburg verbrachten Winter 1841/1842 entstand — durch dessen Ansporn — fast jeden Tag ein neues Gedicht und in kurzer Zeit das Material für einen ganzen Gedichtband, der der Autorin in der literarischen Welt Gehör verschaffen sollte.

Viele der in Meersburg entstandenen Texte geben ihren lokalen Bezug schon im Titel zu erkennen wie Am Bodensee, Das alte Schloß, Am Thurme oder Die Schenke am See. Diese Texte lassen sich als „Reisebilder vom Bodensee” rubrizieren, obwohl sie in keiner Gedichtausgabe so firmieren, Reisebilder, die ihren literarischen Rang dadurch beweisen, dass sie sich jeder traditionellen Bodensee-Hymnik enthalten und aufgesetztes Pathos durch eine subjektiv bewegte Sprache ersetzten. Neben diesen vielen „neuen” Texten brachte die Autorin aber auch viele ihrer Stoffe von Zuhause mit nach Meersburg, um sie in einer freieren Atmosphäre mit leichterer Hand niederzuschreiben. So fand sie erst fern ihrer Heimat die Muße und Inspiration, ihre westfälischen Themen — die Haidebilder, die Westphälischen Schilderungen — abzuschließen. Die meisten ihrer „typischen” Westfalentexte entstanden also nicht am Weiher vor der Rüschhauser Haustür, sondern fernab der Heimat am schwäbischen Meer.