Bökendorfer Irrungen


In ihrer Jugendzeit hatte Droste nur selten Gelegenheit, den engen Grenzen des Elternhauses zu entfliehen. Neben kleineren Ausflügen in die Umgebung sorgten nur einige Besuche in Bökendorf bei Brakel für Abwechslung. Hier im Paderborner Land hatte die Verwandtschaft ihrer Mutter, die Familie von Haxthausen, ihren Wohnsitz. Hier, auf dem Gut Bökerhof traf sich der „Bökendorfer Märchenkreis” um die Brüder August und Werner von Haxthausen und Wilhelm Grimm. Auch Droste beteiligte sich in dieser Zeit, allerdings mit wenige Begeisterung, am Sammeln von Sagen, Märchen und literarischem Volksgut.

Im Jahr 1820 wurde der Bökerhof Schauplatz der sogenannten "Jugendkatastrophe", wie in der Literatur das unglückliche Ende der Verbindung Annette von Droste-Hülshoffs zu dem Göttinger Jura-Studenten Heinrich Straube bezeichnet wird. In Absprache mit Straube und mit anderen Familienmitgliedern, die der intelligenten und gelegentlich vorlauten jungen Frau wohl eine Lektion erteilen wollten, hatte August von Arnswaldt, ein weiterer Student, Droste Avancen gemacht, um auf diese Weise ihre Liebe zu Straube auf die Probe zu stellen. Als er nicht ummittelbar auf entschiedene Ablehnung traf, kündigten in einem gemeinsam verfaßten Brief beide Männer Droste die Freundschaft, und in der Familie wurde das Geschehen schnell skandalisiert. Das so durch eine Intrige herbeigeführte Scheitern der Verbindung zu Straube war für die 23jährige ein mit vielerlei Demütigung verbundenes traumatisches Erlebnis. Es führte dazu, dass sie Bökendorf fast zwanzig Jahre nicht mehr besucht hat. In ihrem Gedicht Die Taxuswand wird die schmerzliche Erfahrung poetisch gespiegelt: So will ich immer schleichen / Nur an dein dunkles Tuch, / Und achtzehn Jahre streichen / Aus meinem Lebensbuch.

Bereits 1819 hatte Droste begonnen, einen Zyklus von geistlichen Liedern auf die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres zu verfassen. Vor dem Hintergrund der existentiellen Erschütterungen im Zusammenhang mit dem „Arnswaldt-Straube-Erlebnis” gerieten ihre Texte zum persönlichen Bekenntnis, in dem immer wieder auch Glaubenszweifel thematisiert wurden. Die Gedichte trugen — wie Droste schrieb — die Spuren eines vielfach gepreßten und getheilten Gemüthes. Erst zwanzig Jahre später konnte sie das Geistliche Jahr vollenden. Veröffentlicht wurde der Zyklus erst nach ihrem Tod; er zählt heute zu den herausragenden Beispielen der geistlichen Lyrik überhaupt.