Kindheit und Jugend


Geboren wurde Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff — so ihr vollständiger Taufname — am 10. Januar 1797 auf dem Wasserschloß Hülshoff zwischen Havixbeck und Roxel bei Münster. Die Pflege des kaum lebensfähigen Siebenmonatskinds übernahm zunächst die Amme Catharina Plettendorf, der Droste zeitlebens eng verbunden blieb. Wohlbehütet wuchs sie auf, wurde erzogen in der Enge und Abgeschlossenheit der westfälischen Adelswelt. Für den Elementarunterricht sorgte die Mutter, später wurden verschiedene Hauslehrer eingestellt. Es ist überliefert, daß Droste schon als Kind immer wieder von beständigen Krankheiten heimgesucht wurde, insbesondere konstatierte man schon früh eine starke nervliche Überreiztheit. Die lebenslange Krankengeschichte der Dichterin, die literarisches Arbeiten manchmal monatelang unmöglich machte, läßt sich in ihren Briefen nachverfolgen. In ihrem Romanfragment Bei uns zu Lande auf dem Lande (1841) gewährt die Autorin einen recht unverstellten Einblick in ihr Elternhaus und bietet prägnante Porträts ihrer Mutter Therese, die als temperamentvoll, intelligent und dem praktischen Leben zugewandt beschrieben wird, und ihres Vaters Clemens August, den sie als belesen, musikalisch und sehr gütig schildert.

Schon früh begann Annette Droste zu schreiben, in der Hauptsache kleine Gelegenheitsgedichte und Stammbuchverse, zunächst noch ganz im Sinne biedermeierlicher Familienkultur. dass da aber ein großes dichterisches Talent reifte, wurde von der Verwandtschaft schnell erkannt. Ihr Onkel Werner von Haxthausen bezeichnete schon 1804 die damals Siebenjährige als eine „zweite Sappho”. Und bereits im Jahr 1809 sprach man in Münster über ihre Begabung, so dass der Herausgeber Friedrich Raßmann Beiträge der erst 12jährigen Droste für sein poetisches Taschenbuch „Mimigardia” erbat, was man in der Familie allerdings nicht zuließ.

In Münster fand sich in dem fast fünfzig Jahre älteren Dichter und Juristen Anton Mathias Sprickmann (1749-1833 )ein erster literarischer Förderer und Ansprechpartner. Ihm stellte sie ihre frühen Projekte - das Trauerspiel Bertha oder Die Alpen (1813/14), die Ritterdichtung Walther (1818) und das Romanfragment Ledwina (1819) - vor und informierte über den Fortgang der Arbeit. Und er war es auch, dem sie 1816 als 19jährige ein erstes bemerkenswertes Gedicht mit dem Titel Unruhe zusandte, das den biographischen Grundkonflikt der jungen Frau, den Antagonismus von Selbstbehauptung und Anpassung schildert.