Schücking und neue Impulse


Nach dem Erscheinen der Gedichtausgabe von 1838 wurde Droste insbesondere aus dem Familienkreis zu neuen Projekten gedrängt, die sie nur halbherzig betrieb. Sie beschäftigte sich mit dem Lustspiel Perdu! oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe und beabsichtigte zeitweise, einen Roman über Westfalen mit dem Titel Bei uns zu Lande auf dem Lande zu schreiben. Insgesamt war es eine Zeit literarischer Umorientierung der Autorin. War in den 30er Jahren der religiöse Philosophiedozent Christoph Bernhard Schlüter eine Art literarischer Mentor, so wurde dies in der Folgezeit der siebzehn Jahre jüngere Levin Schücking, Sohn der Droste-Freundin Catharina Busch, der eigentlich Jura studiert hatte, aber als Autor und Literaturkritiker sein Auskommen suchte. Schücking war sehr umtriebig und kannte sich im Literaturbetrieb gut aus. Mit ihm hatte Droste einen Vermittler, der Verbindungen zu Verlagen und anderen Autor/innen herstellte, sie aber auch für eigene Projekte einspannte. Für den Band Das malerische und romantische Westphalen, den Schücking übernommen hatte, lieferte Droste innerhalb kurzer Zeit eine Reihe von Landschafts- und Ortsbeschreibungen sowie mehrere lokalbezogene historische Balladen.

Schücking war es auch, der für die Veröffentlichung ihrer Novelle Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen (1842) in dem führenden Literaturblatt der Zeit, dem Cottaschen Morgenblatt, sorgte. Mit der Geschichte des Friedrich Mergel, der Jahre nach dem Mord an einem Juden an den Ort der Tat zurückkehrt und sich in der Buche erhängt, war ihr ein „Sittengemälde” gelungen, das mit fast naturalistischer Detailschärfe einen Ausschnitt westfälischer Lebenswelt spiegelt. Doch die Judenbuche ist mehr als eine Milieustudie; sie ist gleichzeitig Kriminalgeschichte und Psychogramm, eine Geschichte, die durch ihre Mehrdeutigkeit letztlich die Wahrnehmung von Wirklichkeit grundsätzlich in Frage stellt.