An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich

I h r steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten –
Und i h r gleich Fichten die zerspellt von Wettern –
Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten –
Laßt wie Dragoner die Trompeten schmettern;
D e r kann ein Schattenbild die Wange röthen –
D i e wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern;
Ward denn der Führer euch nicht angeboren
In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?

Schaut auf! zur Rechten nicht – durch Thränengründe,
Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken,
Wo einsam die veraltete Selinde
Zur Luna mag die Lilienarme strecken;
Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,
Längst überfloß der Sehnsucht Thränenbecken;
An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,
Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen.

Doch auch zur Linken nicht  – durch Winkelgassen,
Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken,
Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen,
Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken,
Der Sinne Bachanale, wo die blassen
Betäubten Opfer in die Rosen sinken,
Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,
Man drüber legt die Kränze der Hetäre.

O dunkles Loos! o Preis mit Schmach gewonnen,
Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!
Grad', grade geht der Pfad, wie Stral der Sonnen!
Grad', wie die Flamme lodert vom Altare!
Grad', wie Natur das Berberroß zum Bronnen
Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!
Ihr könnt nicht fehlen, er, so mild umlichtet,
Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.

Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte,
Die euch umgeben wie mit Heilgenscheine,
Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,
Und legte Anathem auf das Gemeine.
Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,
Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,
Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden,
Denn Alles nimmt sie, doch aus reinen Händen.

Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen,
An allen Wegen hauchen Naphthablüthen,
Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen,
Und Jeder mag die eignen Sinne hüten.
Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen,
Die noch zusammenbrechend haun und wüthen.
Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,
Singt, aber zitternd, wie vom Weih' die Tauben.

Ja, treibt der Geist euch, laßt Standarten ragen!
Ihr wart die Zeugen wild bewegter Zeiten,
Was ihr erlebt, das läßt sich nicht erschlagen,
Feldbind' und Helmzier mag ein Weib bereiten;
Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,
Stellt nicht das Ziel in ungemessne Weiten,
Der kecke Falk ist überall zu finden,
Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen.

Vor Allem aber pflegt das anvertraute,
Das heilge Gut, gelegt in eure Hände,
Weckt der Natur geheimnißreichste Laute,
Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;
Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute,
Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,
Daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen,
Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen.

Ihr hörtet sie die unterdrückten Klagen
Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.
Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen,
Wo nur Ein Gott, der Gott im eignen Hirne?
Frischauf! – und will den Lorbeer man versagen,
O Glückliche mit unbekränzter Stirne!
O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen!
Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen!

 

 

zerspellt] zerspellen: zum Spalten bringen.

Syrinxflöten] Hirten-, Panflöten.

Dragoner] leicht bewaffneter Reitersoldat.

die veraltete Selinde] Selinde/Celine: beliebter Mädchenname der Schäferdichtung im 18. Jahrhundert.

Smollis] Schmollis: studentischer Zuruf beim Brüderschaft-Trinken: (sis mihi molis: (lat.) sei mir hold).

Bachanale] Bacchanal: ursprünglich ein altrömisches Fest zu Ehren des griechisch-römischen Weingottes Bacchus. Hier in der neueren Bedeutung von: wüstes Trinkgelage, Orgie.

Hetäre] Im antiken Griechenland Freudenmädchen und oftmals hochgebildete Freundin bedeutender Männer.

Staffel] Stufe, Grad.

Anathem] (griech.) Fluch, Kirchenbann.

Napthablüthen] Naphtha (pers.: Erdöl); hier: stark riechendes Steinöl.

Weih’] kleiner Raubvogel (lat.: Milvus).

Standarten] Feldzeichen, Fahnen berittener Truppen.

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