Für die armen Seelen

Was Leben hat, das kennt die Zeit der Gnade;
Der Liebe Pforten sind ihm aufgetan.
Zum Himmel führen tausend lichte Pfade;
Ein jeder Stand hat seine eigne Bahn.

Doch wenn mit Trauer Leib und Seel' sich trennen,
Dann, Mensch, ergreif den letzten Augenblick.
Bald kannst du nicht mehr dein die Stunde nennen;
Aus deiner Hand entflohn ist dein Geschick.

Wohl dem, der reiches Gut voraus gesendet;
Was er gewirkt, das trägt er sich nach Haus.
Doch in dem Sturme, der dein Leben endet,
Löscht auch der Prüfung Gnadenfackel aus.

Wie Mancher schied und kennt die Zeit der Reue,
Und die Erlösung ist ihm noch so fern!
Wohlan mein Herz, zeig deine Christentreue:
Ein gläubig Flehn dringt vor den Thron des Herrn!

O du, der sprach aus seines Dieners Munde:
"Es ist ein heiliger und frommer Brauch!"
Das Geisterreich kennt weder Zeit noch Stunde,
Doch eine Stunde kennt und hofft es auch.

Mein Vater, sieh auf deine ärmsten Kinder
Und denk an sie in ihrer großen Not;
Sie waren, was wir sind, sie waren Sünder,
Und ihre Gnadenpforte schloß der Tod!

Und haben sie auch deinen Weg verlassen
Und haben nicht auf deine Hand geschaut:
Ach, ihre Sehnsucht kann kein Leben fassen,
Und ihre Reue nennt kein Menschenlaut.

O Jesu, denk an deine bittern Schmerzen
Und an den harten Tod am Kreuzesstamm!
Ach, alle trugst du sie an deinem Herzen,
Für Alle starb das unbefleckte Lamm!

Eröffne deine heiligen fünf Wunden,
Und auf fünf Strömen, glänzend, blutig rot,
Send' her dein Kreuz, des mögen sie gesunden,
Ein sichres Schiff in ihrer großen Not!

Maria, bitt für sie bei deinem Sohne,
Als Himmelsleiter aus dem finstern Reich;
Beut ihnen seine blut'ge Dornenkrone,
Und nimm sie auf in deinen Mantel weich!

Ihr Heil'gen Gottes alle, helft uns flehen;
Sie sind ja eure armen Brüder auch!
Herr, laß sie bald dein göttlich Antlitz sehen,
Kühl ihre Glut mit deiner Milde Hauch!

Und wenn von denen, die mir teuer waren,
Als noch um sie die Erdenhülle lag,
Vielleicht noch mancher nicht dein Heil erfahren
Noch fruchtlos harrt auf der Erlösung Tag:

O Gott, ich ruf' aus meiner tiefsten Seele,
Steh ihnen bei, mein Gott, verlaß sie nicht!
Auf ihren Schmerz sieh, nicht auf ihre Fehle;
Sieh auf mein einsam trauernd Angesicht!

Und ist es möglich, kann man Seelen retten
Durch Erdenleid, dem man sich willig beut,
Kann ich mein Schicksal an das ihre ketten:
Gib deinen Kelch, o Herr, ich bin bereit!

Was will doch alles Erdenleiden sagen,
Bedenk ich Leid und Freud der Ewigkeit!
Was ich vermag, ich will es gerne tragen;
Ich bin bereit, o Herr, ich bin bereit!

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