Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Senfkörnlein und Sauerteig

Tief, tief ein Körnlein schläft in mancher Brust;
Doch, Herr, du siehst es und du magst es segnen.
O, schau auf Jene, die sich unbewußt
Nicht fühlen deiner Gnadenwolke Regnen,
Die um sich steigen lassen deinen Tau,
Nachtwandler, dumpf gebannt in Traumes Leben,
Umwandeln Turmes Zinne sonder Beben,
Nicht zuckend nur mit der geschloßnen Brau.

Ich bin erwacht, ob auch zu tiefer Schmach;
So will ich heut' nicht an mein Elend denken,
Will, ach, das Einzige, was ich vermag,
Ein zitterndes Gebet den Armen schenken;
Ob nur ein kraftlos halbgebrochner Hauch,
Der dennoch mag die rechten Wege finden,
Und muß er sich zu deinem Throne winden,
Wie sich zum Äther wälzet Nebelrauch.

Du Milder weißt aus allem Erdendunst
Den warmen Lebensodem wohl zu scheiden,
Gerechter du und doch die höchste Gunst,
Dess Sonne raget über Moor und Heiden!
O kräft'ge deinen Strahl, daß er entglüht
Die langverjährte Rinde mag durchdringen;
Mach des erstarrten Blutes Quellen springen,
Auftauen das erfrorne Augenlid.

Wie oft sah ich in schier vereistem Grund
Sich leise noch das Samenkörnlein dehnen!
Wie öfters brach aus längst entweihtem Mund
Ein Schmerzenslaut, der Alles muß versöhnen!
O, nur wer stand in glüher Wüstenei,
Der weiß des grünen Blattes Wert zu schätzen,
Und wessen Ohr kein Luftzug durfte letzen,
Nur der vernimmt den halberstickten Schrei.

Mit meinem Schaden hab' ich es gelernt,
Daß nur der Himmel darf die Sünde wägen;
O Menschenhand, sie halte sich entfernt,
Die nur das Leben zählt nach Pulses Schlägen.
Lebt doch das Samenkorn und atmet nicht,
Und kann es dennoch einen Stamm enthalten,
Der herrlich einst die Zweige mag entfalten,
Wo das Gevögel jubelt unterm Licht.

Sei Menschenurteil in Unwissenheit
Hart wie ein Stein, du, Herr, erkennst das Winden
Der Seele, und wie unter Mördern schreit
Zu dir ein Seufzer, der sich selbst nicht finden
Und nennen kann. Kein Feuer brennt so heiß,
Als was sich wühlen muß durch Grund und Steine;
Von allen Quellen rauschender rinnt keine,
Als die sich hülflos windet unterm Eis.

Im Fluch, dem Alle schaudern, hörst du noch
Den Klageruf an Kraft und Mut gebrochen;
In des Verbrechers Wahnsinn trägt sich doch
Entgegen dir zerfleischten Herzens Pochen.
Das ist das Samenkorn, was wie im Traum
Bohrt ängstlich mit den Würzelchen zum Grunde,
Und immer trägt es noch den Keim im Munde,
Und immer schlummert noch in ihm der Baum.

Brich ein, o Herr! Du weißt den rechten Stoß
Und weißt, wo schwachvernarbt der Sünde Wunden;
Noch liegt in deiner Hand ihr ewig Los,
Noch lauert stumm die schrecklichste der Stunden,
Wo ihnen deine Hand die Waage reicht
Und die Verdammung steht im eignen Herzen.
O Jesu Christ, gedenk' an deine Schmerzen!
O rette, die aus deinem Blut gezeugt!

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