Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten

Evang.: Vom Samaritaner

Wer ist es, der mir nahe steht?
Wen muß ich meinen Bruder nennen?
Wem meine liebste Gabe gönnen
Und reichen, eh' er noch gefleht?
O laß auf meine Stirne träufen,
Du Starker, deiner Weisheit Tau!
Laß mich den rechten Stein ergreifen
Zu deines Tempels ew'gem Bau!

Er, den getragen gleicher Schoß,
Und der an gleicher Brust gesogen,
Ihm bin ich willenlos gewogen,
Nichts reißt des Blutes Fäden los.
Auch wer die gleichen Odem zieht,
An gleichen Bodens Quell getrunken,
Für ihn auch hat Natur den Funken
In jedem Busen angeglüht.

So der in selben Glaubens Band
Am selbigen Altare knieet,
Und wo mich gleiche Richtung ziehet,
Sei's an Gemüt, sei's an Verstand:
Sie Alle sind mir wie gegeben
In meines eignen Herdes Hut,
Sind Fasern All' von meinem Leben,
Sind Tropfen All' von meinem Blut.

Doch wenn in heimatferner Luft
Sucht ängstlich ein bekümmert Wesen
Der fremden Züge Schrift zu lesen,
Wo Niemand seinen Namen ruft:
Dann nahe dich und woll' es nennen
Mit jedem Liebesworte nur,
Dann magst die Fackel du entbrennen,
Die nicht entzündete Natur.

Und wenn an deines Tempels Tor
Steht Einer einsam, ausgeschlossen,
Dess Tränen doch vor Gott geflossen,
Dess Seufzer doch erreicht sein Ohr:
Dem magst du deine Rechte reichen
Und deuten aufwärts nach dem Blau,
Wo Allen glühn der Sterne Zeichen,
Für Alle sinkt der milde Tau.

Und dann, wenn sich gen Einen regt
Dir ein gewaltsam Widerstreben,
Weil andre Weise ihm gegeben,
Als dir der Himmel zugelegt;
Wenn Fehl' mit dumpfem Sinn im Bunde
Zertreten will der Liebe Saat:
Reich' ihm die Hand; dies ist die Stunde,
Wo das Gebot sich prüfend naht.

Ja selbst an des Verruchten Blick,
Der Erd' und Himmel möchte höhnen,
Mußt du in Milde dich gewöhnen,
Darfst schaudern, aber nicht zurück.
O kannst du ihn in Jesu Christ
Umschleichen, spähend seine Wunden,
Dann erst hast du den Stein gefunden,
Dann weißt du, wer dein Nächster ist.

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