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Das Rüschhaus, Holzschnitt, © LWL-DLBW

Epoche

Auf den Unterseiten finden Sie Grundinformationen zur Biographie der Autorin Annette von Droste-Hülshoff, eine chronologische Übersicht sowie Informationen zu relevanten Epochenkontexten. 

Aktuelle Forschungsperspektiven können Sie folgenden Beiträgen entnehmen:
Annette von Droste-Hülshoff. Handbuch
Hg. von Cornelia Blasberg und Jochen Grywatsch. Berlin, Boston 2018, 810 S. 
Mit über 150 Artikeln von 40 Beiträgerinnen und Beiträgern.

Kultur & Politik

Im Geburtsjahr Annette von Drostes 1797 hatte die alte politisch-gesellschaftliche Ordnung noch Bestand. Das Hochstift Münster unterstand als geistliches Territorium dem Fürstbischof, der zugleich Kurfürst und Erzbischof von Köln war. Doch die geistlichen Fürstentümer galten bei ihren Kritikern längst als rückständig und reformbedürftig, und Veränderungen waren unausweichlich. In den 1790er Jahre überzogen die Französischen Revolutionskriege und später die Napoleonischen Kriege Europa, und die französische Vorherrschaft führte zu einer Neuordnung des Heiligen Römischen Reiches. 1802 kam es im Zuge dieses Prozesses zur Auflösung der geistlichen Fürstentümer. Das Fürstbistum Münster wurde 1802 säkularisiert, und große Teile Westfalens wurden Preußen zugeschlagen, dessen Herrschaft zunächst aber nur vier Jahre dauerte. Nach dessen militärischem Zusammenbruch 1806 übernahmen mit dem Frieden von Tilsit 1807 die Franzosen die Macht über die westlich der Elbe gelegenen preußischen Provinzen, aus denen sie zusammen mit Kurhessen, Hannover und Braunschweig das französische Königreich Westfalen unter König Jérôme errichteten. Sechs Jahre später setzten die Freiheitskriege dem Königreich ein Ende, und es kam 1814/15 durch den Wiener Kongress zur weitreichenden Neuordnung Europas mit der Wiederherstellung der preußischen Großmacht. Preußen konnte damit seine Herrschaft über Westfalen wiedererrichten.

Die Phase zwischen 1815 und 1848 stand im Zeichen einer rigiden restaurativen Politik Preußens. Ganz im Sinne des reaktionären österreichischen Staatskanzlers Metternich bestanden die Ziele in der Sicherung der wiederhergestellten vorrevolutionären politischen und sozialen Ordnung und in dem Kampf gegen alle nationalen, liberalen und revolutionären Bestrebungen. Statt eines versprochenen Gesamtparlaments traten nach dem Gesetz von 1823 nur Provinzialstände zusammen, in denen der grundbesitzende Adel vorherrschte. Trotz dieses restaurativen Hintergrunds veränderten weitgreifende Reformen das gesellschaftliche Gefüge nachhaltig. Zu nennen sind u.a. die preußische Heeresreform mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und die Reform der Selbstverwaltungsgremien, die Steinsche Städtereform und Reform des Bildungssystems. Insbesondere auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik wurde eine liberale Linie eingeschlagen. Durch das Zollgesetz von 1818 wurde der innere Markt freigegeben, und durch die Gründung des Deutschen Zollvereins (1828–1834) wurde die deutsche Einigung unter der Führung Preußens auf wirtschaftlichem Gebiet vorbereitet. Doch die Spannungen zwischen Bürgertum und Monarchie wurden größer, je mehr sich Preußen liberalen und nationalen Tendenzen verschloss und sie durch Pressezensur und „Demagogenverfolgung” zu hemmen suchte. Als Zugeständnis berief Friedrich Wilhelm IV. 1847 alle Provinzialstände zum Vereinigten Landtag zusammen. Mit der Märzrevolution von 1848 schließlich verband sich die Hoffnung, dass der starke Antagonismus der politisch-weltanschaulichen Kräfte sich zugunsten einer Umgestaltung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Sinne einer bürgerlich-liberalen Politik auflösen würde, eine Hoffnung, die freilich weitgehend unerfüllt blieb.

Die politischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten für den westfälischen Adel gravierende Folgen. War man bis 1802 innerhalb der alten Ordnung die sozial und politisch dominierende Kraft gewesen, so verlor man mit der Säkularisation nicht nur seine kirchlichen Ämter, Einkünfte und Versorgungsmöglichkeiten, sondern auch in drastischer Weise an politischer Bedeutung und Einflussnahme. Auch nach 1815, als im Zeitalter der Restauration vor-napoleonische Herrschaftsverhältnisse wiederhergestellt wurden, konnte der Adel nicht die alte Stellung zurückerlangen. Dynamische Prozesse der Umwälzung und der Veränderung hatten weite Bereiche der Gesellschaft erfasst und konnten nicht mehr rückgängig gemacht werden. Zwar blieb der Adel eine privilegierte herrschende Klasse, stand aber aufgrund des ökonomischen und sozialen Aufstiegs bürgerlicher Schichten und infolge der Reform der feudalen Agrarverfassung (Bauernbefreiung) mehr und mehr unter Druck. Einschneidende Veränderungen betrafen auch die wirtschaftspolitischen und infolgedessen die sozialen Verhältnisse. Während Handwerk und Manufaktur aufgrund der Einführung der Gewerbefreiheit in eine dauerhafte Krise gerissen wurden, führte die in den 1830er Jahren einsetzende industrielle Revolution zur weiteren Stärkung des wirtschaftlich erfolgreichen Bürgertums. Gleichzeitig verstärkten sich die sozialen Gegensätze. In den Unterschichten nahmen Armut und Hunger zu, und es kam zu Verelendungsprozessen.

So war die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Epoche großer Umbrüche. Die Gesellschaft durchlebte vielschichtige und tiefgreifende Transformationsprozesse. Besonders in der Zeit des Vormärz, die der Revolution von 1848 vorausging, kam es zur Zuspitzung der Meinungskämpfe. Parallel zu den gesellschaftlichen vollzogen sich die Veränderungen auch in ideologisch-mentaler Hinsicht. Die Bewahrer des Althergebrachten prallten auf gemäßigt liberale und zunehmend demokratische Positionen, nach denen eine konstitutionelle Monarchie und die deutsche Einheit anzustreben waren. Dabei verloren die alten Denkstrukturen zunehmend ihre Überzeugungskraft und wurden brüchig.

Region Westfalen

In Westfalen und insbesondere im Münsterland hatten sich die politisch-explosiven Entwicklungen der Zeit lange weniger stark ausgeprägt als in anderen Regionen. Diese Differenz hat Annette Droste mehrfach als glücklichen Umstand bezeichnet. Für sie war ihre Heimatregion „ein seltsames, schlummerndes Land” („Bei uns zu Lande auf dem Lande“), das „auf dem Wege des Verderbens” noch um „hundert Jahre zurück” (Brief an Melchior von Diepenbrock, Mai 1845) sei.

In kultureller Hinsicht galt Westfalen lange als rückständig und provinziell. Die Region genoss beileibe keinen guten Ruf, sondern war in seiner ländlichen Abgeschiedenheit, abseits der kulturellen Zentren und literarischen Hochburgen, vielmehr Zielscheibe von Spott und (literarischen) Verunglimpfungen geworden. Zu nennen sind vor allem Voltaires Candide (1759) und Justus Gruners Meine Wallfahrt zur Ruhe und Hoffnung, oder Schilderung des sittlichen und bürgerlichen Zustands Westfalens, am Ende des 18. Jahrhunderts (1802/03), beides Schriften, die mit der westfälischen Rückständigkeit hart ins Gericht gegangen waren.

Allerdings hatte sich das geistig-kulturelle Klima in der Stadt Münster seit den Zeiten des aufgeklärten Ministers Franz von Fürstenberg deutlich verbessert. Dieser hatte 1773 die erste westfälische Universität gegründet und einen Lehrstuhl für „Deutschen Stil und deutsche Sprache” eingerichtet. Der Jurist und Autor Anton Mathias Sprickmann erhielt den Auftrag, das Theaterleben zu fördern, und es kam 1775 zur Eröffnung der Münsterschen Bühne. Seit 1779 bildete sich um die Fürstin Gallitzin die sog. „familia sacra”, ein Kreis von Gelehrten, Philosophen und Geistlichen, die eine religiöse Erneuerung im Sinne der Empfindsamkeit anstrebten. Münster wurde in der geistigen Welt Deutschlands zunehmend bekannt, so dass Dichter wie Hamann oder Goethe der Stadt ihren Besuch abstatteten. Auf der kulturellen Landkarte Deutschlands war Münster nun kein weißer Fleck mehr.

In der Zeit als Provinzialhauptstadt sorgte auch die große Zahl preußischer Beamter für eine zunehmende Belebung. Der Adel hielt sich in den Wintermonaten ohnehin in den Stadthöfen und -wohnungen auf, so dass sich dort ein reges gesellschaftliches und kulturelles Leben entwickelte. Man traf sich in Clubs oder zu Konzertbesuchen. Münster war schon seit langer Zeit ein bedeutendes musikalisches Zentrum. Es scheint, dass die Familie von Droste-Hülshoff nicht allzu häufig am gesellschaftlichen Leben in Münster teilgenommen hat, obwohl man am Krummen Timpen zunächst ein eigenes Stadthaus besaß. Hier und in verschiedenen Stadtwohnungen, die man später zur Miete bezog, hielt man sich in den Sommermonaten in größeren Abständen auf, um Kontakte zu pflegen und am kulturellen Leben der Stadt teilzunehmen. Dazu gehören Theater- und Konzertbesuche sowie die Benutzung einer Leihbibliothek oder – im Falle der Droste – die Teilnahme an literarischen Kränzchen.

Literaturgeschichte

Versuche, dem Werk Annette von Droste-Hülshoffs eine bestimmte literarhistorische Epochenbezeichnung zuzuordnen, haben sich immer wieder als problematisch erwiesen. Es sind da die unterschiedlichsten Stichworte genannt worden: Von Biedermeier, von Restauration, von Romantik ist die Rede, auch von Vormärz, von Realismus oder gar Naturalismus. Die Schwierigkeit, eine eindeutige Zuordnung vorzunehmen, resultiert zum einen aus der Vielschichtigkeit des Drosteschen Werks, zum anderen aus der Problematik der Epochenbegriffe selbst, die zu oft zu unscharf bleiben und in die gerade viele große Namen der Literaturgeschichte aufgrund der Besonderheit und Eigenwilligkeit ihres Werks eben gerade nicht zu passen scheinen. Bei Annette von Droste kommt man jedenfalls zu einer solchen Bewertung. Während in ihrem Werk punktuell klassisch-romantische, realistische und selbst naturalistische Aspekte eine Rolle spielen, ist sie mit der Essenz ihres Werks doch weit außerhalb all dieser Klassifizierungen zu verorten, so dass sie am besten als eigenwilliger Solitär zu bezeichnen wäre (vgl. dazu zuletzt Rüdiger Nutt-Kofoth: Literaturgeschichte als Problemfall. Zum literarhistorischen Ort Annette von Droste-Hülshoffs und der ‚biedermeierlichen‘ Autoren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hannover 2017 [= Droste-Jahrbuch 11]).

Die historische Phase zwischen 1815 und 1848, gemeinhin als Restaurationszeit bezeichnet, ist in der Folge der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege gekennzeichnet durch gegenläufige Bestrebungen restaurativer Kräfte, die die Herrschaftsstrukturen des 18. Jahrhunderts wiederherstellen wollen, und liberal-demokratischer, fortschrittlicher Kräfte, die auf die Revolution zusteuern. Allein als Mit- und Gegeneinander der unterschiedlichen Kräfte und Ideologien lässt sich die insgesamt zerrissene Zeit mit ihren signifikanten, gegenläufigen Strömungen zutreffend beschreiben. Entscheidend geprägt ist die Epoche durch die Dialektik von Revolution und Restauration. Für die kulturgeschichtliche Entwicklung, die mit dem Prozess der Restauration korrespondiert, steht der Begriff des Biedermeier. In literarischer Hinsicht umfasst das Biedermeier als Epochenbezeichnung zwischen Klassik und Realismus die Jahre von 1815 bis 1848. Eine wichtige Zäsur im Kontinuum der Epoche ergibt sich 1830, dem Zeitpunkt der Französischen Junirevolution. Die immer stärker hervortretenden vorrevolutionären Tendenzen firmieren, sowohl in politischer, aber auch in literarischer Hinsicht, alsbald unter dem Stichwort des Vormärz. In der Literatur gewinnen liberale und revolutionäre Inhalte sowie die politische Argumentation größeren Einfluss (Heine, Börne, Gutzkow, Freiligrath, Grabbe u.a.), die auch mit der Gruppe des ‚Jungen Deutschland’, zu der einige liberal-demokratisch gesinnte Schriftsteller gezählt werden, verknüpft sind.

Bis heute nach wie vor verbreitet ist eine unkritische Zuordnung Annette von Drostes zu einer Literatur des Biedermeier, das als Begriff auch für die häuslich-bürgerlich und konservativ geprägte Lebenswelt der Zeit gebräuchlich ist. Mit dem Biedermeier assoziiert werden Vorstellungen von Treuherzigkeit, Geruhsamkeit und bürgerlicher Spießigkeit, der Hang zu Sentimentalität und Überschwänglichkeit sowie eine Vorliebe für das Idyllische. Man suchte nach den Wirren der napoleonischen Kriege Stabilität durch die Wiedereinrichtung der alten Verhältnisse. Im Hinblick auf die Literatur der Zeit steht Biedermeier für eine unpolitische, eher private, stark landschaftsgebundene, melancholisch-kontemplative Dichtung, die zur Hinwendung zu Natur und Alltagswelt neigt und sich von der gesellschaftlichen Wirklichkeit abwendete. Wie Droste, die oft als gemütvolle Heimatdichterin (miss-)interpretiert wird, werden u.a. Eduard Mörike, Adalbert Stifter und Franz Grillparzer zu dieser Strömung gerechnet. Diese einseitige Zuordnung steht allerdings, insbesondere im Hinblick auf Droste und auch Stifter, mehr denn je in Frage. Heute werden zunehmend Aspekte der Modernität ihres Werks betont.

In vielen ihrer oft aus regionalem Kontext entstandenen Texten tritt Droste aus der Literatur ihrer Zeit heraus. Ihr Schreiben ist kein affirmatives biedermeierlich-idyllisierendes Schreiben, wie es zu ihrer Zeit Konjunktur hatte. Ihr geht es nicht um die Verklärung von Heimat, um die folkloristische Darstellung von Sitten und Gebräuchen – im Gegenteil, sie thematisiert die Gefährdung, die Bedrohung und der Verlust von Heimat. Sie nimmt in ihren Naturdarstellungen das Doppelbödige in den Blick, das immanent Böse, die Bedrohung der Idylle, die Zerstörung und Zersetzung. Dem Leser treten Brüche und Risse, Morsches und Morbides offen entgegen, die auf tiefe Verunsicherung und Bedrohung verweisen. Und selbst wenn Droste in bestimmten landesbeschreibenden Texten die vermeintlich heile Welt der Vergangenheit beschwört, dann insbesondere um der Gegenwart damit einen Spiegel vorzuhalten und nie ohne die Einsicht in die Unumkehrbarkeit der historischen Entwicklung.

Bildnachweis: Rüschhaus, © LWL-DLBW