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Lebenslauf

verfasst von Jochen Grywatsch, basierend auf:

Ders.: "Stationen der Lebensgeschichte". In: Annette von Droste-Hülshoff. Handbuch. Hg. von Cornelia Blasberg u. ders. Berlin u. Boston 2018, S. 1–25.

 

Farblithographie Burg Hülshoff, Grün gefärbt, © LWL-DLBW

Annette von Droste-Hülshoff 1797–1848

Kindheit & Jugend | 1797–1819

Am 10. Januar 1797 wurde Annette von Droste-Hülshoff auf dem Familiensitz Burg Hülshoff unweit der Stadt Münster in Westfalen geboren und auf den Namen Anna Elisabeth Franzisca Maria Adolphina Wilhelmina Ludovica getauft. Ihre verfrühte Geburt als kaum lebensfähige Siebenmonatskind war wahrscheinlich mit dafür verantwortlich, dass Droste seit ihrer Kindheit immer wieder von schweren, später auch das literarische Arbeiten verhindernden Krankheiten heimgesucht wurde; insbesondere diagnostizierte man schon früh eine starke nervliche Überreiztheit. Die Webersfrau Maria Katharina Plettendorf übernahm als Amme die Pflege des neugeborenen Mädchens. Zwischen Droste und ihr entwickelte sich eine lebenslange, vertraute Beziehung.

Das Verhältnis zu den Eltern war von Liebe und Respekt geprägt. Während es über den Vater heißt, dass sein Charakter von Gutherzigkeit, Sanftmut und Fürsorge geprägt war, wird die Mutter als streng, temperamentvoll und durchsetzungsfähig geschildert. Unzweifelhaft lieferten die Charaktere, das Aussehen und die Interessen der Eltern Muster für die Figurenporträts des Gutsherrn und seiner Frau in Bei uns zu Lande auf dem Lande. Bildung und Unterricht erhielt Droste im Familienkontext, zunächst ab 1802 (Lesen, Schreiben, Religion, Sprache und Stil) im Wesentlichen durch die Mutter. Der Vater ergänzte botanische Themen und führte in die Musik ein, bis Onkel Maximilian die musikalische Ausbildung vertiefte.

Ein wichtiger Bestandteil in der Kindheit und Jugend von Droste waren Lektüren. Die Hülshoffer Hausbibliothek nutzte sie ebenso ausgiebig wie die Theissing’sche Leihbibliothek in Münster. Zu den beliebten familiären Gepflogenheiten gehörte das abendliche Vorlesen. Dabei standen Klassiker der Weltliteratur (Shakespeare, Cervantes) ebenso auf dem Programm wie Modelektüre der Zeit (z. B. Walter Scott, Klopstocks Messias). Schon sehr früh ließ sie eine besondere literarische Begabung erkennen. Bereits aus dem Jahr 1804 datiert eine Aussage Werner von Haxthausens, der "eine zweyte sapho" in seiner Nichte keimen sah und von dem "Dichter Genie" der damals Siebenjährigen sprach (HKA II, 559). Die literarische Frühbegabung fiel auch außerhalb der Familie auf, was 1809 der damals Zwölfjährigen eine – von der Familie freilich abgelehnte – Einladung zur Publikation im poetischen Taschenbuch Mimigardia einbrachte.

Im Jahr 1812 lernte die 15-jährige Droste den 63-jährigen Juraprofessor und ehemaligen Sturm-und-Drang-Autor Anton Mathias Sprickmann kennen, der als junger Mann weite Kontakte in die Literaturszene unterhielt. Auf Betreiben der Mutter wurde er ein erster literarischer Ansprechpartner für die hochbegabte Tochter.

Bildnachweis: Jugendbildnis Annette von Droste-Hüllshoffs, C.H.N. Oppermann, um 1818, © LWL-DLBW

Bökendorf und die Folgen | 1819–1826

Ein Hauptreiseziel der Familie war der Sitz der Großeltern, das Gut Bökerhof bei Brakel im Paderbörnischen, seinerzeit einer der wenigen Musensitze in Westfalen. Hier traf sich der 'Bökendorfer Märchenkreis‘, eine Gruppe um die Brüder Werner und August von Haxthausen. Zu den illustren Gästen zählte der Göttinger Kommilitone der Haxthausen-Brüder Heinrich Straube sowie der Germanist und Märchensammler Wilhelm Grimm. Drostes Verhältnis zu dem von ihrer Schwester Jenny verehrten Grimm, den sie 1813 kennengelernt hatte, war von Beginn an angespannt und von gegenseitiger Antipathie gekennzeichnet. So beteiligte sie sich auch nur sporadisch an den Sammlungen. Während sie ihm Arroganz und Überheblichkeit nachsagte, unterstellte er "etwas vordringliches und unangenehmes in ihrem Wesen" (zit. n. Gödden 1994a, 74). Auch andere Quellen, zumal aus der Feder von Männern, die in Drostes Verhalten ihre Rollenerwartungen an Frauen durchkreuzt sahen, geben Hinweise auf Drostes Selbstbewusstsein und einen mitunter rebellisch-vorlauten Charakter.

1819/20 hielt sich Droste für mehr als ein Jahr bei ihren Bökendorfer Großeltern auf. Der insgesamt harmonisch-anregende Besuch fand sein abruptes Ende in dem sogenannten 'Arnswaldt/Straube-Erlebnis', eine Begebenheit, die für Drostes Entwicklung von einschneidender Bedeutung war und auch als 'Jugendkatastrophe' betitelt wird. Seit der ersten Begegnung im August 1818 hatte sich zu dem literarisch ambitionierten Straube, der sich seit 1820 ebenfalls in Bökendorf aufhielt, eine nahe und herzliche Verbindung ergeben. Etwa Mitte Juli kam jedoch ein weiterer Göttinger Kommilitone, August von Arnswaldt, nach Bökendorf, um im Einvernehmen mit Straube und August von Haxthausen Drostes Liebe auf die Probe zu stellen. Es gelang ihm für kurze Zeit ihre Gunst zu gewinnen, bis sie ihm erklärte, tiefere Empfindungen für Straube zu hegen. Offensichtlich aber war die verfängliche Situation durch ein inszeniertes Missverständnis absichtlich herbeigeführt worden. In der Folge kündigten beide Männer in einem gemeinsam verfassten Brief Droste die Freundschaft, und diese stand unversehens im Mittelpunkt einer handfesten Affäre, die für sie nicht nur den Verlust von Freundschaften bedeutete, sondern ihr des vermeintlich unziemlichen Verhaltens wegen schwerwiegende Vorwürfe aus dem Kreis der Familie einbrachte. Das durch eine Intrige herbeigeführte Scheitern der Beziehung wurde für die 23-Jährige ein mit vielerlei Demütigung verbundenes traumatisches Erlebnis und führte dazu, dass sie Bökendorf bis 1837 nicht mehr besuchte. Die Forschung hat in mehreren Texten Drostes Spuren der schmerzlichen Erfahrung ausfindig gemacht – in den Gedichten Die Taxuswand, Wie sind meine Finger so grün, im Romanfragment Ledwina und im bis Ende 1820 abgeschlossenen ersten Teil des Geistlichen Jahres.

Die Jahre zwischen 1821 und 1825 sind in der Biographie Drostes ein ‚weißer Fleck‘. Dass die äußerst dürftige Quellenlage für diese Zeit durch Zensurmaßnahmen der Familie in der Reaktion auf das 'Arnswaldt/Straube-Erlebnis' begründet ist, kann nur vermutet werden. Unstrittig hingegen ist, dass Droste für einige Jahre mehr auf musikalischem Gebiet aktiv war. In den 1820er-Jahren begann sich Drostes Gesichtskreis allmählich zu erweitern. 1824, eventuell auch schon 1822, standen Besuchsreisen ins Sauerland auf dem Programm. Eine längere Reise zu Verwandten führte 1825/26 an den Rhein nach Bonn. Bei dieser Reise wurde sie auch mit der reichen Bankiersgattin Sibylle Mertens-Schaafhausen bekannt, deren Haus lebendiger Mittelpunkt eines Künstlerkreises war.

Bildnachweis: Der Bökerhof in Bökendorf, A. v. Droste-Hülshoff, um 1820, © LWL-DLBW

Vom Rüschhaus auf die Literaturbühne | 1826–1838

Mit dem plötzlichen Tod des Vaters Clemens von Droste-Hülshoff im Juli 1826 fiel der Familiensitz an den ältesten Sohn Werner, während die weiblichen Familienmitglieder in das fünf Kilometer entfernt gelegene Haus Rüschhaus zogen. Das barocke Kleinod, das der Baumeister Johann Conrad Schlaun als eigenen Sommer- und Ruhesitz entworfen hatte, war eine vergleichsweise einfache, aber als Mischung aus Herrensitz und Bauernhaus in ländlich-idyllischer Umgebung auch reizvolle Behausung. Droste bewohnte die vier (heute drei) kleinen Räume im Zwischengeschoss des Hauses, die sie zwischen etwa 1830 und 1845 mit ihrer ehemaligen Amme, Katharina Pettendorf, teilte. Die Stille und Zurückgezogenheit des Ortes, dazu der Garten, der als Nutz- und Blumengarten mit Obst- und Gemüseanbau betrieben wurde, und die Naturnähe des ländlichen Umfelds – all diese Umstände machten ihr das dortige Leben, trotz gelegentlicher Klagen über die Einsamkeit, aufs Höchste angenehm.

Einen weiteren Schicksalsschlag musste Droste im Juni 1829 mit dem Tod des geliebten Bruders Ferdinand, den sie in den letzten Wochen pflegte, hinnehmen. Für sie selbst mündete das schmerzliche Ereignis in eine anhaltende, schwere Krankheit. Die Ratlosigkeit der Ärzte in dieser lebensbedrohlichen Krise führte sie in die Behandlung des Homöopathen Clemens Maria von Bönninghausen. Die Behandlung brachte langfristig Besserung, so dass Droste der Homöopathie dauerhaft treu blieb. Aus ihrer Korrespondenz wird deutlich, dass Droste zeitlebens immer wieder von ernsthaften Erkrankungen heimgesucht wurde, die literarisches Arbeiten oft wochenlang, manchmal über Monate unmöglich machten.

Abwechslung in das beschauliche Rüschhauser Leben brachten einige Reisen: Zwei weitere Besuchsreisen an den Rhein zu den dortigen Verwandten sind für 1828 und 1830/31 zu verzeichnen und 1834 führte eine weitere familiär konzipierte Besuchsreise in die Niederlande (Gelderland, Limburg). Von dieser Reise brachte Droste Anregungen mit, die sie später für den Stoff der Erzählung Joseph fruchtbar machen konnte.

In literarischer Hinsicht standen die späten 1820er- und 1830er-Jahre im Zeichen der Arbeit an den längeren Verserzählungen Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard und Des Arztes Vermächtniß. Dass Droste sich inzwischen als professionelle Schriftstellerin verstand, wird spätestens ab Herbst 1834 deutlich, als sie begann, Pläne zur Veröffentlichung beider Verserzählungen zu entwickeln, zu welcher es schließlich 1838 im münsterschen Aschendorff-Verlag kam. Maßgeblichen Anteil an der Publikation hatte der münstersche Philosophiedozent Christoph Bernhard Schlüter. Zu dem seit seiner Jugend fast vollständig erblindeten Schlüter und seiner Familie, der Mutter Catharina und der Schwester Therese, entwickelte sich eine nähere persönliche Beziehung, die sich in einem nahezu lückenlos erhaltenen Briefwechsel dokumentiert. Trotz vieler Missverständnisse war Schlüter – und mit ihm sein Freund Wilhelm Junkmann – über einige Jahre ein wichtiger literarisch-philosophischer Ansprechpartner.

Eine Unterbrechung des Kontakts ergab sich 1835/36, als Droste sich auf eine 18-monatige Besuchsreise nach Eppishausen begab, um ihre Schwester Jenny und deren Ehemann Joseph von Laßberg zu besuchen. Wenngleich sie von der Schweizer Berglandschaft, die sie sich bei ausgedehnten Spaziergängen, leichten Kletterpartien und Ausflügen ins Appenzeller Land erschloss, sehr beeindruckt war, verlief der Aufenthalt, vor allem aufgrund des Mangels an geistiger Anregung, insgesamt enttäuschend.

Nach erneuten Stationen in Bonn und Köln kehrte Droste im Februar 1837 ins heimische Rüschhaus zurück. Schon im folgenden Monat stand eine erneute Reise auf dem Programm, die nach 17-jähriger Unterbrechung erstmals wieder zu den mütterlichen Verwandten nach Bökendorf und Abbenburg führte. Nach den Kränkungen im Zusammenhang der 'Arnswaldt/Straube-Affäre' war der Besuch eine von "großen Erschütterungen" (HKA VIII, 223) begleitete emotionale Herausforderung, führte aber gleichzeitig zur Normalisierung der Beziehungen. Im Folgenden standen Familienbesuche im Haxthausen-Kreis wieder regelmäßig auf dem Programm.

Drostes Veröffentlichungspläne im Blick, hatten Schlüter und Junkmann vorgeschlagen, den geplanten Band unter ihrer Betreuung im örtlichen Aschendorff-Verlag zu publizieren, eine Idee, der die Autorin zurückhaltend begegnete, erhoffte sie sich von einem überregional agierenden Verlag mit literarischem Renommee doch eine breitere Resonanz und größere öffentliche Wahrnehmung. Schließlich wurde die Diskussion um die Verlagswahl jedoch durch ein offizielles Verlagsangebot Aschendorffs im November 1837 beendet. Der Band erschien am 11. August 1838 – mit Rücksicht auf die Mutter Therese von Droste-Hülshoff, die jedes öffentliche Auftreten verabscheute, nicht unter dem vollständigen Namen der Autorin, sondern halbanonym als Gedichte von Annette Elisabeth von D…. H….. Die Auflagenhöhe betrug 400, verkauft wurden lediglich 74 Exemplare. Während der Band in der Droste-Familie, von Mutter und Schwester, positiv aufgenommen wurde, kam es im Bökendorfer Haxthausen-Umfeld zu ablehnenden Reaktionen. Insgesamt stieß die Ausgabe gerade im Adel auf Unverständnis. Ansonsten gab es aus dem Kreis der Bekannten und Freunde viele positive, aber auch gemischte Urteile.

Bildnachweis: Das Rüschhaus, Holzschnitt © LWL-DLBW

Neue Projekte, neue Horizonte | 1838–1841

Mit der literarischen Neuorientierung, die nach Abschluss der 1838er-Gedichtausgabe einsetzte, dokumentiert sich ein gewachsenes, auch durch neue Kontakte in die Münsteraner Literaturszene befördertes Selbstbewusstsein der Autorin, wenngleich sie im Hinblick auf die nächsten Schreibprojekte anhaltend unsicher blieb.

Ein Roman nach dem Vorbild von Washington Irvings Bracebridge-Hall, or the Humorists (1822) wurde ihr von Amalie Hassenpflug nahegelegt. Er sollte den Titel Bei uns zu Lande auf dem Lande tragen und in Form einer Reisebeschreibung Sitten und Gebräuche Westfalens thematisieren. Doch die Ausführung geriet ins Stocken, als im Verlauf des Jahres 1839 andere, schon länger in Arbeit befindliche Projekte in den Vordergrund drängten. Dazu gehörte das fast zwanzig Jahre liegen gebliebene Geistliche Jahr, 1820 bis zum Oster-Text gediehen, das bis Anfang 1840 einen vorläufigen Abschluss fand.

Parallel zum Geistlichen Jahr arbeitete Droste, seitdem 1837 der Plan dazu gefasst war, an der "Criminalgeschichte, Friedrich Mergel" (HKA VIII, 228), die sie unter dem Titel Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen ebenfalls bis Anfang 1840 abschließen konnte. Zum Druck im renommierten Cotta’schen Morgenblatt verhalf Levin Schücking dem Text, der dort 1842 unter dem Titel Die Judenbuche erschien.

Eine Abkehr vom Schlüter-Kreis nach 1838 führte zu neuen literarischen Gesprächskontexten. Im Winter 1838/39 hatte Elise Rüdiger, geb. von Hohenhausen, in Münster einen literarischen Zirkel gegründet, den Droste scherzhaft als "Hecken-Schriftsteller-Gesellschaft" (HKA IX, 20) bezeichnete. Mit der Initiatorin des Kränzchens entstand eine enge und vertraute lebenslange Freundschaft, die sich in zahlreichen Begegnungen und einem umfangreichen Briefwechsel dokumentiert.

Eine besondere Position als Vertrauter Drostes besetzte ab 1838 Levin Schücking, Sohn der 1831 verstorbenen Autorin und Droste-Freundin Katharina Busch-Schücking. In dem immer enger werdenden Verhältnis avancierte Schücking von der Rolle eines Schützlings zum engen Vertrauten respektive zum literarischen Gesprächspartner und Agenten. So sehr er für sie Kontakte zum Literaturbetrieb herstellte, für Publikationsmöglichkeiten sorgte und sie zu literarischer Arbeit anregte, so sehr war sie bereit, ihm Texte für seine Schreib- und Herausgabeprojekte zur Verfügung zu stellen. Das gegenseitige Geben und Nehmen basierte auf einer wachsenden Sympathie, die zwischen Herbst 1839 und Herbst 1841 in regelmäßigen wöchentlichen Besuchen Schückings im Rüschhaus Ausdruck fand.

Ein erstes Projekt, bei dem Drostes Unterstützung eingefordert wurde, war das Malerische und romantische Westphalen im Verlag Langewiesche (Barmen), das Schücking 1840 von Ferdinand Freiligrath übernommen hatte. Bis Mai 1841 steuerte Droste eine Reihe von Prosabeiträgen (vgl. HKA VII, 8–139) sowie mehrere Balladen bei.

Bildnachweis: Levin Schücking, 1847 © LWL-DLBW

Meersburger Schaffenskraft und die 1844er Gedichtausgabe | 1841–1844

Die Droste-Schwestern hatten ohne Wissen der Mutter, deren Veto unausweichlich gewesen wäre, einen Aufenthalt Schückings auf der Meersburg ermöglicht, indem sie Laßberg überzeugten, Schücking als Bibliothekar seiner Buch- und Handschriftensammlung zu verpflichten. Durch die Fügung glücklicher Begleitumstände wurde der Meersburger Aufenthalt 1841/42 für Droste zu einem Höhepunkt in ihrem Leben. Insbesondere die ungezwungene Vertrautheit mit Schücking, mit dem sie nach Belieben Zeit verbringen und dabei vielfältige literarische Interessen teilen konnte, wirkte beflügelnd. "Wir haben doch ein Götterleben hier geführt" (HKA IX, 296), erinnert sie sich später und resümiert Schücking gegenüber: "unser Zusammenleben […] in Meersburg [war] gewiß die heimischeste und herzlichste Zeit unseres beyderseitigen Lebens" (HKA IX, 371).

In literarischer Hinsicht hatte sich Droste für den Meersburg-Aufenthalt vorgenommen, begonnene Werke – den Roman Bei uns zu Lande auf dem Lande, das Geistliche Jahr sowie das Lustspiel Perdu! – voranzutreiben, zu überarbeiten und abzuschließen. Doch die literarische Produktion nahm einen anderen Verlauf: Droste trat mit Schücking in eine Art poetischen Wettstreit, der in einer literarischen Wette gipfelte. Unter Beweis zu stellen galt es, so hatte sie Schückings Lebenserinnerungen zufolge behauptet, dass sie "im Laufe der nächsten Monate einen ganzen Band lyrischer Gedichte aus dem Aermel schütteln können" werde (Schücking [1886] 2009, 81). Einige Wochen lang "entstanden nun ein und oft zwei Gedichte an einem Tage – sie wußte die Wette glorreich zu gewinnen" (Schücking [1886] 2009, 81). In der Tat konnte Droste zwischen September 1841 und April 1842 mit rund sechzig Gedichten den Grundstock ihrer neuen Gedichtsammlung legen.

Drostes lyrische Produktivität fand in dem umtriebigen und gut vernetzten Schücking, der seinerseits als Autor Fuß zu fassen suchte, den Gegenpart eines Agenten, dem es gelang, Wege zur Veröffentlichung aufzutun und Droste und ihr Werk an den Literaturbetrieb der Zeit heranzuführen. Um die Tür zum renommierten Cotta-Verlag für eine neue Gedichtausgabe zu öffnen, übersandte Schücking zehn Proben ihrer aktuellen Lyrik-Produktion. Sieben dieser Texte, darunter Der Knabe im Moor, Im Moose, Am Thurme und Die Taxuswand, erschienen 1841 im Cotta’schen Morgenblatt, der wichtigsten Literaturzeitschrift der Zeit.

Als Schücking im April 1842 die Meersburg verließ, hatte er einen Text Drostes im Gepäck, den er in Stuttgart dem Redakteur des Morgenblatts Hermann Hauff zur Veröffentlichung übergab. Dieser erfand für die Publikation im April/Mai 1842 den Titel Die Judenbuche und die von Droste gesetzte Überschrift Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen wurde zum Untertitel. Ein nennenswertes Echo rief die Publikation nicht hervor, dennoch stärkte sie die überregionale Wahrnehmung Drostes weiter.

Zurück in Westfalen, schloss sich eine mehrmonatige Phase gesundheitlicher Probleme an. Auf die kreative Hochphase folgte der schwierige und mühsame Prozess des Überarbeitens und der Erstellung einer Reinschrift als Druckvorlage für den neuen Band. In Drostes Auftrag übernahm Schücking alle Verlagsverhandlungen und begleitete die Drucklegung. Ihm gelang es, für Droste das beachtliche Honorar von 500 Talern (oder 875 Gulden) bei einer Auflagenhöhe von 1200 Exemplaren zu vereinbaren (Blakert/Grywatsch/Thürmer 1997).

Im November 1843 kam es – im Vorgriff auf das in Aussicht stehende Honorar für ihre Gedichtausgabe – zu einem bemerkenswerten Entschluss: Droste wurde "grandiose Grundbesitzerin" (HKA X, 110): Zu einem Preis von 700 Gulden ersteigerte sie das oberhalb Meersburgs am Hindelberg gelegene 'Fürstenhäusle', das ehemalige Rebhäuschen der Konstanzer Fürstbischöfe, nebst Weinberg.

Während des einjährigen Meersburg-Aufenthalts 1843/44 stand zunächst die Arbeit für die Gedichtausgabe 1844 im Vordergrund. Nach Abschluss der Reinschrift dokumentiert der Briefwechsel mit Schücking im Frühjahr 1844 die Phase der intensiven Schlusskorrekturen. Schücking war inzwischen mit der Schriftstellerin Louise von Gall verheiratet, die er vor der Hochzeit nur einmal getroffen hatte. Droste stand der Verbindung von vorn herein ablehnend gegenüber.

Bildnachweis: Burg Meersburg, Farb. Federzeichnung, Hohbach, um 1850 © LWL-DLBW

Letzte Projekte, Rückzug und Tod auf der Meersburg | 1844–1848

Nach einjährigem Aufenthalt endete die zweite Meersburg-Reise im Oktober 1844. Zurück im Rüschhaus, wuchs die Sorge um die ehemalige Amme Maria Katharina Plettendorf, für deren Betreuung sich Droste auch selbst engagierte.

Im Juli 1845 war es nochmals Levin Schücking, der einen Produktionsschub auslöste, und zwar für ein Rheinisches Jahrbuch für 1846, dessen Planung der inzwischen als Feuilletonchef der Kölnischen Zeitung Tätige übernommen hatte. Sein Brief mit der Bitte um Mithilfe erreichte Droste in Abbenburg, wo sie sich zwischen Mai und Oktober 1845 zur Pflege des Onkels Friedrich von Haxthausen aufhielt. Unter entsprechend ungünstigen Voraussetzungen schrieb sie innerhalb weniger Wochen dennoch sechs Gedichte, die Droste "in einem Wirrwarr" (HKA X, 307) entstanden sah und Schücking angesichts ihrer anderweitigen Beanspruchung die letzte Auswahl unter den Alternativvarianten überließ.

Drostes letzte Lebensjahre waren geprägt von zunehmender Resignation, Rückzug und schwerer Krankheit. Einsamkeit und Trauer über den Verlust des vertrauten Gesprächs kennzeichnen die späten Briefe an Elise Rüdiger, und zu Levin Schücking war der Kontakt längst distanzierter geworden. Zum endgültigen Bruch kam es 1846, als Schücking den Roman Die Ritterbürtigen veröffentlichte, der in Anlage und Figurenkonstellation deutliche Analogien zum Verhältnis Droste/Schücking/Louise von Gall aufweist und, nach Meinung Drostes, vertrauliche Informationen aus der Adelswelt verwendete. Über den Vertrauensmissbrauch konstatierte sie Schlüter, zu dem die Beziehung wieder enger geworden war, gegenüber: "Schücking hat an mir gehandelt wie mein grausamster Todfeind" (HKA X, 369) und stellte jeden weiteren Kontakt ein.

Ernste Erkrankung und körperliche Schwäche machten im Weiteren die poetische Arbeit zunehmend unmöglich. Ihr angegriffener Gesundheitszustand ließ eine für Juni geplante Bodensee-Reise nicht zu, und erst die Behandlung durch von Bönninghausen brachte vorübergehende Besserung, so dass Droste Mitte September 1846 nach Meersburg aufbrechen konnte. Weiter in schwacher Verfassung, ging sie das Risiko der Reise ein in der Hoffnung auf anhaltende gesundheitliche Besserung im günstigeren Bodensee-Klima.

Die sich in Meersburg zunächst einstellende leichte Gesundheitsbesserung war nicht von Dauer. Trotz ärztlicher Behandlung blieb Drostes körperliches Befinden schwach und verhinderte jegliche Anstrengung, so auch Besuche im Fürstenhäusle. Über lange Phasen war die Autorin, die wieder im seezugewandten, südöstlichen Turm logierte, bettlägerig und konnte nur hin und wieder Besuch empfangen; vor allem Charlotte von Salm-Reifferscheidt erschien einige Male zur Visite. Als vorübergehend Besserung eintrat, war sie im Juni 1847 sogar nochmals in der Lage zu einem längeren Gegenbesuch bei der Freundin in Hersberg. Die sich bald wieder verschlechternde Gesundheit veranlasste sie im Juli 1847, ihr Testament aufzusetzen, das ihre Geschwister Jenny und Werner als Erben einsetzte, nachdem die zuvor verfolgte Idee einer Stiftungsgründung zugunsten ihrer beiden Nichten Hildegard und Hildegunde von Laßberg nicht realisiert werden konnte. Im Wissen um den bevorstehenden Tod hatte sich Droste als letztes Projekt den Abschluss des Geistlichen Jahres vorgenommen. Eine Fertigstellung durch die Autorin hat der Zyklus jedoch nicht mehr gefunden. Sie starb am Nachmittag des 24. Mai 1848. Am 26. Mai wurde sie auf dem Meersburger Friedhof beigesetzt.

Bild: Annette von Droste-Hülshoff, Daguerreotypie, um 1845 © LWL-DLBW

Literatur

Gödden, Walter: Annette von Droste-Hülshoff. Leben und Werk. Eine Dichterchronik. Bern u. a. 1994.

Schücking, Levin: Lebenserinnerungen [1886]. Neu hg. von Walter Gödden und Jochen Grywatsch. Bielefeld 2009.

Bild:
(Oben) Farblithographie Burg Hülshoff, © LWL-DLBW