Lyrik

Annette von Droste-Hülshoff war in erster Linie Lyrikerin. In diesem Genre war sie am produktivsten; hier brachte sie es zu vielen herausragenden Erzeugnissen. Zu solch bekannten und vielgelesenen Texten wie Der Knabe im Moor, Das Spiegelbild oder Die Mergelgrube treten zahlreiche weniger bekannte, aber ebenso beachtliche Gedichte wie Das öde Haus, Die todte Lerche oder Der Hünenstein.

Erste kindliche Verse hat Annette Droste schon als 7-jährige verfasst. Kleine Gelegenheitsgedichte und Stammbuchverse gehörten zur biedermeierlichen Familienkultur. Bald kamen von der deutschen Klassik, insbesondere von Schiller beeinflusste Texte hinzu, während ab 1816 der an Spätromantik und Biedermeier orientierte Ton überwog. Auch später entstanden immer wieder Widmungsgedichte im Familienkreis. Beginnend spätestens mit dem Gedicht Unruhe (1816) entwickelte sich dann ein dezidiert eigener Ton.

1819 begann Droste, einen Zyklus von geistlichen Liedern auf die Sonn- und Festtage des Kirchenjahres zu verfassen. Auch unter dem Einfluss der existentiellen Erschütterungen im Zusammenhang mit der sog. Jugendkatastrophe („Arnswaldt-Straube-Erlebnis”) gerieten ihre Texte zum persönlichen Bekenntnis, das auch Glaubenszweifel thematisierte. Nach Abbruch des Zyklus 1820 nahm sie die Arbeit am Geistlichen Jahr erst nach fast zwanzig Jahren wieder auf und kam 1840 zu einem (vorläufigen) Abschluss. Veröffentlicht wurde der Zyklus erst nach ihrem Tod.

In den 1830er Jahren beschäftigte sich die Autorin in oft mühevoller und langwieriger Kleinarbeit mit der Abfassung von langen Versdichtungen. Zunächst entstand Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard, das die damalige Alpenbegeisterung aufnahm (ca. 1827-1837), später Des Arztes Vermächtniß (1834/35) und schließlich Die Schlacht im Loener Bruch. 1623 (1834-1838), worin ein Stoff aus dem 30-jährigen Krieg behandelt wird. Neben Auszügen aus dem Geistlichen Jahr und wenigen weiteren lyrischen Texten waren es diese drei großen Verserzählungen, die den Inhalt ihrer ersten, im münsterschen Aschendorff-Verlag gedruckten Gedichtausgabe 1838 ausmachten.

Eine Phase höchster poetischer Inspiration erlebte Droste im Meersburger Winter 1841/42, den sie zusammen mit Schücking auf der Meersburg verbrachte. Innerhalb von kurzer Zeit gelang es ihr, mit rund 60 Gedichten den Grundstock ihrer zweiten Gedichtsammlung zu legen. Insbesondere diese Texte sind es, darunter vor allem die Landschaftsbilder, mit denen die Autorin ihren ganz eigenen Standort in der Literatur ihrer Zeit bestimmte. Im September 1844 erschien der Band, ihr lyrischen Vermächtnis, im renommierten Cotta-Verlag.

In der Folgezeit entstanden in jeweils zeitlich begrenzten Schaffensphasen weitere Gedichtgruppen, die Droste für Publikationsprojekte Dritter verfasste. Vor allem Schücking bat sie mehrfach um Beiträge für Publikationsprojekte und sorgte für die Veröffentlichung dieser Texte in Zeitschriften und Sammelbänden.


Hinweis zur Textgrundlage

Die Online-Editionen der Lyrik der Annette von Droste-Hülshoff gehen in der Regel zurück auf den Erstdruck in den Gedichtausgaben von 1838 und 1844 respektive auf verstreute Publikationsorgane für die nach 1844 entstandenen Texte.

Die Erläuterungen orientieren sich an: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Werke. Briefwechsel. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1978 - 2000, hier insbesondere Bd. I/2 und I/3: Gedichte zu Lebzeiten. Dokumentation. Erster und zweiter Teil. Bearb. von Winfried Theiß. Tübingen 1997, 1998.

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